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Anmerkung: Dieser Text ist auch in englischer Sprache verfuegbar.
Mehr zu diesem Thema: Erfahrungen eines Muslims / Christen & Muslime Nebeneinander / Friedensgebete.

Erfahrungen eines Christen beim Beten mit Muslimen

Wer ist der Referent?

Seit ich das erste mal eine Moschee betrat, hatte ich das draengende Verlangen, mit Muslimen gemeinsam beten zu duerfen. Dieses Verlangen war nicht durch Zweifel an meinem eigenen Glauben hervorgerufen worden. Aengste, die ich seit meiner Kindheit vor dem Islam und vor Moscheen hatte, haben dieses Verlangen merkwuerdigerweise nicht beeintraechtigt.

Partner des christlich-islamischen Gebets

Jahre des Nachdenkens und Jahre des Diskutierens haben die Teilnahme an Friedensgebeten ebenso ermoeglicht wie die Teilnahme an islamischen rituellen Pflichtgebeten und an "Gottes-Erinnerungen" der Derwische. Ein wenig abenteuerlich war diese Reise schon, denn es gab keinen Reiseleiter, der mir zuverlaessig sagen konnte, was ich tun darf und was nicht. Ich hatte aber Begleiter auf meiner (christlichen) Seite und liebevolle Gastgeber auf der anderen (muslimischen) Seite. Strengglaeubige Muslime waren ebenso dabei wie Sufis, die schon von ihren Ordensgruendern her die grossherzige Seite des Islam verkoerpern. Konvertierte deutsche Muslime waren besonders stark vertreten. Nicht, dass diese ihren Glauben weniger ernst nehmen als Muslime aus traditionell islamischen Laendern. Vielmehr wird es so gewesen sein, dass ich auf Grund gemeinsamer Sprache und gemeinsamer kultureller Herkunft mit ihnen besser und leichter diskutieren konnte.

Den anderen Glauben kennenlernen

Respekt lernt man bei diesen Begegnungen, wenn man unausgeschlafen am Fruehstueckstisch erfaehrt, dass Muslime noch viel frueher fuer ihr Morgengebet aufstehen muessen. Die gedankenlose Eurozentriertheit eines abendlaendischen Menschen wird bewusst, wenn man eine Verabredung leichtfertig in den Ramadan legt und dann zur Strafe allein bleibt.

Gebetstexte

Bei der Anrufung Gottes in Gegenwart Andersglaeubiger sollte man zuerst an Gott denken und an seine Verehrung. Meines Erachtens ist es fuer einen Christen kein Verrat am Glauben, einmal auf die Erwaehnung der Dreifaltigkeit zu verzichten. In dem christlichen Festgesang "Grosser Gott, wir loben Dich" kommt die Dreifaltigkeit beispielsweise auch erst ab der fuenften Strophe vor. Ausserhalb der Pflichtgebete koennen auch Muslime schon einmal um der Geschwisterlichkeit willen auf die Bezeugung ihres Propheten Mohammed verzichten, fuer den auch ich als Christ den Frieden Gottes erbitte.

Eine gute Sitte ist es, die ausgewaehlten Gebets-Texte vorher auszutauschen und sich gegenseitig die Unbedenklichkeit zu bestaetigen. Ebenso ist es eine Selbstverstaendlichkeit, sich anschliessend auch an die Absprache zu halten. Ich habe viele geeignete Gebetstexte gesammelt, von beiden Religionen, und kann sie bei Bedarf abgeben (Papier oder Diskette).

Arabische Gebete und arabisch vorgetragene Koran-Verse werden immer in deutsch wiederholt. Das gibt Christen die Sicherheit, nicht ueberfahren zu werden. Und es gibt ihnen die Moeglichkeit, manche islamische Gebete selbst lieben zu lernen. Wenn Christen Gebete und Lieder verwenden, in denen aramaeische, griechische oder lateinische Stellen vorkommen, muessen sie natuerlich ebenfalls in deutsch wiederholt werden.

Es ist eine schoene Sitte, wenn gemeinsame Gebete und auch andere gemeinsame Veranstaltungen mit dem Vaterunser und der Fatiha abgeschlossen werden.

Was zu respektieren ist

Niemals darf man einen Gebets-Teppich mit Schuhen betreten, selbst dann nicht, wenn es nur fuer einen einzigen Schritt ist. Muslime sollten einen Altar niemals als eine Ablageflaeche betrachten. Fuer (mindestens die katholischen) Christen bleibt es auch nach dem Gottesdienst ein heiliger Ort.

Christen muessen lernen, mit dem Koran achtsamer umzugehen als mit ihrer Bibel. Die Bibel besteht aus menschlichen Berichten ueber Jesus, waehrend der Koran nach muslimischer Auffassung woertlich von Gott stammt. Auch in einem Gotteshaus legt man einen Koran deshalb nur dann auf den Fussboden, wenn es ein Gebets-Teppich ist, auf dem man selbst sitzt.

Den Koran, den ein Muslim zum Gebet (und nicht nur zum Nachschlagen waehrend einer Diskussion) verwendet, darf man als Christ nur in die Hand nehmen, wenn es ausdruecklich erlaubt wurde. Der Wunsch entsteht oft, wenn es sich um besonders prachtvolle arabische Exemplare handelt. Die Erlaubnis wird bestimmt erteilt, wenn die Ehrfurcht des anfragenden Christen erkennbar ist. Wer diese Ehrfurcht nicht hat, sollte fairerweise auf die Beruehrung verzichten.

Oft werden Bibel und Koran gemeinsam ausgelegt, wenn vorher daran gedacht wurde, zwei Pulte dafuer mitzubringen. Es ist nicht verkehrt, wenn auch einige Christen einen Kompass dabei haben. Nicht in jedem Gebaeude ist die Richtung nach Mekka sofort erkennbar. Wer einmal einen Blick auf den Globus wirft, wird uebrigens feststellen, dass von Deutschland aus Mekka und Jerusalem die gleiche Himmels-Richtung haben.

Gemeinsam oder nur nebeneinander?

Anfaenglich uebernimmt man die Warnungen der offiziellen Religions-Vertreter, Gebete nur nebeneinander, nicht miteinander zu verrichten. Auch solle man besser neutrale Versammlungs-Raeume waehlen statt Kirchen und Moscheen. Fuer Anfaenger sind diese Regeln richtig und hilfreich. Fortgeschrittene gehen spaeter darueber hinaus. Nicht, dass Fortgeschrittene zum Synkretismus, zur gefuerchteten Religions-Vermischung gelangen. Vielmehr ist es so, dass mit zunehmender Vertrautheit Gemeinsames ausgelebt werden darf, weil das Unterschiedliche gegenseitig akzeptiert ist und nicht mehr betont werden muss. Ich kenne keinen Fall, in dem jemand durch die Beteiligung an interreligioesen Gebeten gewissermassen "umgedreht" wurde. Wohl aber kenne ich Faelle, in denen Menschen mit Glaubens-Zweifeln ausgerechnet durch interreligioese Gespraeche zu ihrer angestammten Religion zurueckgefunden haben.

Christen haben anfaenglich Schwierigkeiten, hinter dem Wort "Allah" ihren eigenen - christlichen - Gott zu erkennen. Es ist hilfreich zu wissen, dass auch arabische Christen und die arabische Bibel dieses Wort fuer Gott verwenden.

Es ist ein deutlicher Unterschied, ob man sich an einem gemeinsamen Friedensgebet beteiligt oder ob man die Einladung annimmt, sich an dem rituellen Gebet einer anderen Religion zu beteiligen. Man kann natuerlich die Frage stellen, ob die Annahme einer solchen Einladung nicht eine intellektuelle Spielerei ist, die auf unbeteiligte Dritte schaedliche Auswirkungen haben kann. Ich bin aber dahinter gekommen, dass auch derjenige, der eine solche Einladung vorsichtshalber ablehnt, Schaden hervorrufen kann.

Wenn ich mich als Christ an einem islamischen rituellen Gebet beteilige, verwirre ich vielleicht andere Christen. Wenn ich die Einladung aber ablehne, verwirre ich die einladenden Muslime. Habe ich doch stets meine Ueberzeugung bekannt, dass Juden, Christen und Muslime den gleichen Gott anbeten.

Anfaenglich kann die Teilnahme Andersglaeubiger an eigenen Gottesdiensten als Beraubung, als Einbruch empfunden werden. Generell scheint aber die Freude ueber die gegenseitige Anerkennung als Glauebige zu ueberwiegen. Ich jedenfalls habe keine unangenehmen Gefuehle (mehr), wenn in einem christlichen Gottesdienst Muslime neben mir sitzen, geeignete Texte auch mitbeten und mitsingen.

Interessant fand ich die Erfahrung, dass weibliche Muslime in den Moscheen konsequent von den Maennern getrennt beten muessen. In den meisten christlichen Kirchen haben wir die Geschlechter-Trennung ja in den letzten Jahrzehnten abgeschafft und fuehlen uns sehr fortschrittlich dabei.
Das Verbannen von Frauen auf Emporen, hinter Vorhaenge oder in Kellerraeume wirkt auf mich wie eine Degradierung. Das getrennte Sitzen der Geschlechter waehrend des Gottesdienstes finde ich dagegen gut, weil es Ablenkungen vermeiden hilft. Ich wuensche es mir fuer die Christen zurueck.

Bekenntnis des eigenen Glaubens

Trotz allen Bemuehens um Gemeinsamkeit entstehen Situationen, in denen ein echtes Bekenntnis gefordert ist. Nicht innerhalb eines Gebetes, wenn es so durchgefuehrt wird, wie ich es weiter vorn beschrieben habe. Aber nach dem Gebet beim Tee, auf der (jetzt hoffentlich schon) gemeinsamen Heimfahrt, bei der naechsten Begegnung. Wenn dann die Frage nach der Gottheit Jesu oder der Erloesung des Menschen kommt, muss ein Christ Farbe bekennen. Muslime erwarten dann auch dieses Bekenntnis, sonst wuerden sie den Glauben des Christen nicht mehr ernst nehmen. Man sollte aber gelassen warten, bis die Frage kommt. Selbst dann, wenn es Jahre dauert (Beantworte nie eine Frage, die nicht gestellt wurde). Gelassenheit ist ueberhaupt das beste Wort, um die Beziehung von Menschen verschiedenen Glaubens zu beschreiben, die freundschaftlich miteinander umgehen. Es ist keineswegs Gleichgueltigkeit, wie ein Aussenstehender vermuten koennte.

Gebet ist frueher eine eher laestige Pflichtuebung fuer mich gewesen. Erst durch das Vorbild der Muslime habe ich richtig beten gelernt. Auch die Dankbarkeit, die ich dafuer empfinde, ist ein Grund fuer mein Engagement im christlich-islamischen Dialog.

Klaus Schuenemann

Veroeffentlicht in Moslemische Revue, Heft 4/1992, Seite 247.


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