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Christlich-Islamische Gesellschaft e.V.
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Dietrich Schwarze: Arbeitsweise der Christlich-Islamischen Gesellschaft 1992

(siehe auch: Arbeitsweise der CIG 1998.)

Von der CIG habe ich ja schon lange nichts mehr gehoert.

So sprach mich vor einigen Monaten jemand an, der im christlich-islamischen Dialog an hervorragender Stelle aktiv ist. Gemeint war: Keine grosse Veranstaltung wurde durch die CIG organisiert, keine sichtbaren Impulse in ihrem Namen gegeben; von der CIG wurde keine oeffentliche Stellungnahme zu den brennenden Problemen der Zeit abgegeben, keine Leserbrief-Kampagne gestartet und so weiter.

Fragen dieser Art kommen von Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern, von Beobachtern und als Selbstanfragen nicht zuletzt von denen, die fuer die CIG aktiv sind. In welcher Weise erfuellt die CIG ihre selbstgesetzten Aufgaben? Wie setzt sie ihre urspruenglichen Ziele um? Zehn Jahre nach der Gruendung 1982 ist es zudem angemessen, weiterzufragen: Wie soll es weitergehen? Welche Herausforderungen stellen sich heute vorrangig, und was davon kann die CIG jetzt oder in den naechsten ueberschaubaren Jahren leisten? Wohin sollte die CIG-Arbeit weiterentwickelt werden?

In der Tat tritt die CIG als solche schon seit mehreren Jahren kaum noch oeffentlich in Erscheinung. Begonnen hatte sie 1982 ganz anders. Insbesondere die Christlich-Islamischen Wochen der CIG boten etwas, was bis dahin nur selten zu finden war, naemlich einen Rahmen fuer intensiven und vertrauensvollen Austausch und Begegnung zwischen Christen und Muslimen.

In den 70er Jahren war die islamische Identitaet der Muslime in Deutschland in der Oeffentlichkeit so gut wie gar nicht wahrgenommen worden. Am ehesten erschien sie als ein Nebenaspekt der Zuwanderung von auslaendischen Arbeiterfamilien, um die man sich im Wesentlichen aus sozialer Verantwortlichkeit bemuehte. In den 80er Jahren, als deutlich wurde, dass ein Gutteil der ehemaligen "Gastarbeiter" auf Dauer in Deutschland heimisch wurde, trat bei immer mehr Menschen ins Bewusstsein, dass der Islam auf Dauer einen unuebersehbaren Faktor in Deutschland bilden wird. Die CIG hat in der damaligen Situation einen wesentlichen Impuls dafuer gegeben, die Fragen der Religion als Frage eigenen Gewichts in den Blick zu nehmen, sie von der Verknuepfung mit der "Auslaenderfrage" zu loesen (zumal sie auch die deutschen Muslime der Oeffentlichkeit ins Bewusstsein brachte). Die CIG bot Christen wie Muslimen einen Rahmen, sich gegenseitig kennenzulernen und das Verhaeltnis auf der Grundlage von Gleichberechtigung und Respekt neu zu definieren.

Damit gab die CIG einen Impuls von grosser Resonanz. Fuer die erste Christlich-Islamische Woche in Witten 1984 konnte der NRW-Ministerpraesident Johannes Rau als Schirmherr gewonnen werden; Teilnehmer kamen aus dem ganzen Bundesgebiet, und auch im islamischen Ausland fand das Ereignis von Witten Beachtung. Die dritte Christlich-Islamische Woche in Marl 1986 verstaerkte unter anderem das Interesse der tuerkisch-islamischen Verbaende am christlich-islamischen Dialog. Die Christlich-Islamische Woche in Bonn 1988 unter der Schirmherrschaft von Bundesminister Norbert Bluem fand Interesse auch bei diplomatischen Vertretern aus islamischen Laendern und konnte Impulse in die Stadt tragen (u.a. Krankenhaus, Gymnasium). Der CIG sind unter dem Leitungsteam von Schwarzenau, Abdullah und Kirste in diesen Jahren viele gerade derjenigen beigetreten, die den christlich-islamischen Dialog praktisch voranbrachten.

In dieser Zeit und, wie ich meine, sehr wohl auch inspiriert durch die Impulse der CIG, begannen immer mehr Bildungseinrichtungen (zB Akademien), gesellschaftliche Gruppen (Gewerkschaften, Parteien und so weiter), nach einem neuen Verstaendnis des Islam und dem zukuenftigen Miteinander der Religionen und Weltanschauungen in Deutschland zu fragen. Die Kirchen begannen, sich der Realitaet zu stellen, dass die Muslime nach evangelischen und katholischen Christen zur drittgroessten religioesen Gruppe in Deutschland geworden sind. Waehrend die katholische Kirche vor allem auf der Leitungsebene durch klare Positionen das christlich-islamische Verhaeltnis neu und zum Positiven zu bestimmen begann, sind es in der evangelischen Kirche vor allem die zahllosen Aktivitaeten der Gemeinden vor Ort, die dem lebendigen Miteinander von Christen und Muslimen foerderlich geworden sind. Die meisten islamischen Gruppen und Verbaende oeffneten sich dem Dialog. Dadurch, dass es gelang, den christlich-islamischen Dialog in die Kirchen- und Katholikentage zu tragen, verstaerkte sich die Breitenwirkung enorm.

Wenn nun auch wahrlich nicht alles im christlich-islamischen Verhaeltnis in Deutschland zum Besten bestellt ist und unendlich viel zu tun bleibt, so ist es doch wichtig zu konstatieren:

Vieles von dem, was sich die CIG Anfang der 80er Jahre vorgenommen hatte, ist mit gutem Erfolg umgesetzt worden ist.

Die CIG tritt dabei allerdings immer weniger in Erscheinung. Das hat meines Erachtens vor allem zwei Gruende: Zum einen haben interne Querelen die CIG in der im Dialog engagierten Oeffentlichkeit diskreditiert und geschwaecht. Zweitens, und das scheint mir auf lange Sicht der entscheidendere Faktor zu sein, hat gerade der Erfolg der CIG bei der Absicht, die Fragen des christlich-islamischen Verhaeltnisses in alle bedeutenden gesellschaftlichen Bereiche zu tragen, dazu gefuehrt, dass sich das Feld selbst veraendert hat. Es sind vielfaeltige, von einander unabhaengige, Denk- und Arbeitsprozesse entstanden, die sich mit den anstehenden Fragen sowohl theologischer wie auch gesellschaftlicher Art befassen (zum Beispiel im Blick auf die Anwesenheit muslimischer Kinder in deutschen Schulen). Ein Grossteil der in diesem Prozess engagierten Menschen sind zwar Mitglieder der CIG, aber ihre Aktivitaeten laufen nicht in der Traegerschaft oder im Namen der CIG.

Nach der Zeit der Annaeherung in den 80ern bringen die

90er Jahre eine neue Aufgabenstellung:

Die islamischen Gemeinschaften etablieren sich in Deutschland. Sollen sie nicht in eine Subkultur abgedraengt werden bzw. bleiben, sondern an allen Rechten und Pflichten der Religionsgemeinschaften in Deutschland partizipieren, dann ist eine beharrliche Weiterarbeit auf allen gesellschaftlichen Ebenen und in den Institutionen erforderlich.

An diesem Punkt stellt sich der CIG jetzt die Frage, welche Rolle sie in den naechsten Jahren wird spielen wollen und koennen. In drei Sitzungen hat der im Februar 1992 neu gewaehlte Vorstand versucht, Klarheit darueber zu gewinnen. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Der Vorstand sieht die Hauptwirkungsmoeglichkeit und -aufgabe der CIG derzeit darin, den an vielen Punkten taetigen Mitgliedern das Angebot der "Vernetzung" zu machen, also Menschen und Themen einander naeher zu bringen, die sich in ihren jeweiligen Arbeitsfeldern ergaenzen und foerdern koennen.

Verschiedene weitere Aufgabenstellungen fuer die CIG, so wichtig und dringend sie auch sind, muessen sich an der Realisierbarkeit messen lassen: Was koennen diejenigen, die sich in der CIG engagieren, leisten? Festzustellen, dass dies herzlich wenig ist, heisst - Gott sei Dank - nicht, festzustellen, dass heute nur so wenig zur Verbesserung des christlich-islamischen Verhaeltnisses gearbeitet wird. Denn, wie gesagt, ist die CIG heute nur noch e i n (kleiner) Aktivposten unter einer ganzen Reihe anderer, die in den letzten Jahren, nicht zuletzt angestossen durch die CIG und unter fortdauerndem Einsatz von CIG-Mitgliedern, herangewachsen sind.

Der Vorstand ueberlegte unter anderem, ob die CIG zu einer juedisch-christlich-islamischen Gesellschaft weiterentwickelt werden solle. Was theologisch/glaubensmaessig gesehen eine Selbstverstaendlichkeit waere, wuerde allerdings organisatorisch und im Blick auf die realen gesellschaftlichen Herausforderungen in Deutschland derzeit mehr Schwierigkeiten bereiten als loesen: Die gesellschaftliche Rolle der juedischen Gemeinden in Deutschland ist gesichert, die der islamischen Gemeinden muss erst gefunden werden. Spannungen zwischen Juden und Muslimen, die aus dem Palaestina-Konflikt herueberwirken, wuerden sich leicht als hinderlich erweisen. Ausserdem sind die zahlenmaessig wenigen Juden in Deutschland, soweit sie am Dialog ueberhaupt interessiert sind, weitgehend in der Gesellschaft fuer Christlich-Juedische Zusammenarbeit engagiert; eine dazu konkurrierende Gesellschaft aufbauen zu wollen, waere wenig verheissungsvoll. Da aber auch der christlich-juedische Dialog inzwischen die Frage nach dem Islam als dem dritten im abrahamitischen Bunde entdeckt hat, will die CIG hier Moeglichkeiten der Kooperation suchen.

Weiterhin hat der Vorstand die Frage eroertert, ob sich die CIG nicht als "Laienorganisation" schwerpunktmaessig den Problemen widmen solle, die von den leitenden Funktionstraegern der Religionsgemeinschaften zu oft verdraengt werden: zum Beispiel die religioese Situation von christlich-islamischen Paaren und Familien.

Statt bireligioese Paare durch Verurteilung ihrer Verbindung aus Kirche und Moschee herauszudraengen, oder zu innerlich nicht vollzogenen Konversionen zu veranlassen, muessen Modelle und Hilfen fuer die betroffenen Familien wie auch fuer die Religionsgemeinschaften entwickelt werden, wie einerseits der Bestand der Religionsgemeinschaften gegen fahrlaessige Gleichmacherei (nach dem Tenor: "islamisch oder christlich? - ist doch egal, wir glauben doch alle an einen Gott") andererseits aber auch die immer zahlreicheren Paare in ihrer individuellen Partnerwahl und in ihrer Glaubensfreiheit geschuetzt werden koennen. Gerade eine von Kirchen und islamischen Verbaenden institutionell wie personell nicht abhaengige CIG koennte solche heissen Eisen anpacken und als unbequemer Anwalt der Betroffenen Kirchen und Moscheen zum Ernstnehmen der christlich-islamischen Alltagsfragen noetigen. Ich persoenlich sehe aus meiner seelsorgerlichen Praxis heraus in diesem Bereich einen zunehmenden Handlungsbedarf, der so leicht von keiner anderen Gruppe oder Organisation wahrgenommen werden wird. Hier koennte die CIG ein genuin eigenes Profil entwickeln, das sich auch darin ausdruecken koennte, dass die CIG bewusst nicht Funktionstraeger der religioesen Organisationen oder Institutionen, sondern sogenannte "Laien" als Vorsitzende waehlt. Wichtiger aber ist: hier koennte die CIG eine einem echten Bedarf entsprechende Funktion uebernehmen. Ueberlegungen in dieser Richtung sind noch nicht abgeschlossen.

Ein Dauerthema war und bleibt die Oeffentlichkeitsarbeit. Gegen Fehlinformationen oder anti-islamische Hetze in einigen Medien ist kaum anzukommen. Und bei einigen Presseorganen muss man auch darauf achten, dass man sie nicht durch Gegenmassnahmen noch aufwertet. Die Mitgliederversammlung am 7. November 1992 wird sich mit dem Stichwort "Pressearbeit" befassen, und auch darueberhinaus wird uns diese Frage voraussichtlich weiterhin beschaeftigen; wiederum in der Spannung: was ist noetig - was koennen wir ueberhaupt leisten?

Eine weitere Ueberlegung zur zukuenftigen Arbeit der CIG sei noch herausgegriffen: Wie koennen Junge Leute fuer die CIG-Arbeit gewonnen werden, was erwartet die juengere Generation von der Entwicklung der christlich-islamischen Beziehung fuer die naehere Zukunft und was koennte nach ihrer Meinung der Beitrag der CIG dazu sein? Fuer 1993 ist eine Tagung mit dieser Fragestellung geplant.

Abschliessend bleibt festzuhalten: Wenn die Vorstandsmitglieder (oder auch andere CIG-Mitglieder) in der Lage waeren, mehr Zeit und Kraft in ein CIG-Projekt zu stecken, gaebe es ohne Zweifel viel zu tun. Aber

zur Zeit laufen unsere christlich-islamischen Aktivitaeten vorwiegend unter anderen Traegern und Titeln.

So bedauerlich das fuer das Erscheinungsbild der CIG auch sein mag, so gilt es doch zu konstatieren: ihr Anliegen, der christlich-islamische Dialog, wird sehr lebendig weitergefuehrt auf vielen Ebenen, und zwar nicht zuletzt durch viele CIG-Mitglieder. In der praktischen Konsequenz fuer die CIG-Arbeit der naechsten Zeit heisst das: Die CIG moechte ihren Mitgliedern bei ihren christlich-islamischen Aktivitaeten behilflich sein, indem sie Verbindungen zwischen Menschen und Organisationen herstellt, Informationen vermittelt und so weiter. Alle CIG-Mitglieder werden gebeten, diese "Vernetzung" zu nutzen und auch gegebenenfalls Vorschlaege zu machen, wie sie noch ausgebaut werden kann, damit das grosse Potential der CIG optimal genutzt werden kann.

Witten, 31.10.92

Dietrich Schwarze

Diese Selbstdarstellung ist mit grossem zeitlichem Abstand in Heft 2/1996 von CIBEDO, Seite 62, abgedruckt worden.


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